Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG August - September 2017)


 

 

 

 

 

 

Foto: © KAiPY /pixelio.de

Gedanken zum Mitnehmen

Reformation bleibt eine Aufgabe

 

Kinder lieben es nicht – das Aufräumen. Doch, wenn

man dann alles findet, was man schon lange sucht, und

längst Verlorengeglaubtes wunderbarerweise in der

Tiefe einer Kiste auftaucht, dann ist die Freude groß!

 

Aufräumen hat etwas Ordnendes und auch „ans Licht bringen“ und es ist immer anstrengend.

Doch – im aufgeräumten Zimmer einen Tee oder ein Glas Wein zu trinken, das ist so etwas wie ein kleines Fest mittendrin im Alltag des Lebens. Die Frauen und Männer der Reformation haben aufgeräumt. Die Mächtigen entlarvt und den Prunk des Papsttums an den Pranger gestellt; die Bibel hervorgehoben und übersetzt, damit alle sie Lesen konnten; die Rechtfertigungslehre des Paulus herausgekramt und das helle Licht der Freiheit hochgehalten. Und bei all dem etliche Theologie entsorgt und Raum geschaffen für neue Ideen. Wie bei den alltäglichen Aufräumarbeiten – die neue Ordnung hält nicht lange. Schon wenige Jahre nach Martin Luther entbrannte der Streit zwischen den Konfessionen und manche theologische Freiheit verschwand in der lutherischen Orthodoxie und unerbittlichem

Festhalten an eigenen Meinungen. In den letzten 10 Jahren war so etwas wie ein dauerndes „reformatorisches Aufräumfest“. Vieles wurde neu entdeckt und Martin Luther glänzte in vielen Facetten: Die bunte ökumenische Vielfalt weltweit und der Reichtum an Liedern und Traditionen, liturgischen

Gewändern und alltäglicher geistlicher Praxis. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft wurde Martin Luther zum Kronzeugen – und manchmal kamen auch die anderen Männer und Frauen zu Worte, die die Reformation im 16. Jahrhundert getragen und erstritten haben. Aufräumen und Ordnen wechseln sich ab, in der Geschichte, in Gemeinde und Kirche und im eigenen Leben. Reformation will neu

ordnen, Wichtiges von Unwichtigem trennen und manchmal wird die neue Ordnung zu einem harten rechthaberischen theologischen System. Dann ist es spätestens Zeit, auf das zu sehen, was dazwischen gewachsen ist, was neu und interessant ist, was anders klingt und sich anders anfühlt. Das, was chaotisch und wild, wirkt hat, genau betrachtet doch auch ein ordentliches Recht: Frauenordination und Abendmahl mit allen, die kommen; Feste mit Menschen anderer Religionen und Trauungen von

gleichgeschlechtlichen Paaren. Immer wieder wächst neues und kann geordnet werden. Aufräumen schafft Raum für Neues. Ordnen hilft, andere teilhaben zu lassen. Das spüren wir im persönlichen Leben und auch in der Gemeinde. Reformation ist in den letzten Jahren für mich ein geistlicher Begriff

geworden, der davon erzählt, das nichts so bleiben muss, wie es ist – und das was ist, so geordnet sein soll, dass andere daran teilhaben können. Die biblischen Geschichten erzählen von diesem Rhythmus. Gott beginnt mit einem großen Aufräumakt, doch die geordnete Schöpfung wird bald von den kreativen

Menschen durcheinandergebracht. Und Gott greift immer wieder ein. Unordnung – auch im eigenen Leben - ist nicht schlimm und auch kein Makel. Es ist eine Aufgabe. Reformation bleibt eine Aufgabe – und diese Aufgabe ist anstrengend, kreativ und schön. Und stiftet Gemeinschaft – in Christus. 

 

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gesegnetes Reformationsfest 2017!

 

Ihre

Viola Kennert

Superintendentin