Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Oktober/ November 2018)


                                                                                                                                                                                         Bild: Radka Schöne / pixabay


Gott spricht: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Psalm 34,15

 

Der Bibelspruch, der uns als Jahreslosung

das ganze Jahr 2019 über begleiten

soll, klingt irgendwie merkwürdig. Da

knirscht was. Nicht der Friede, das ist ein

schönes Wort, aber jagen?

 

Ist das Jagen nicht das Totschießen von Tieren im Wald oder, wenn es ganz schlimm ist, das Verfolgen und Töten von Menschen im Krieg oder einer Diktatur? Kein schön besetztes Wort also, dieses Jagen. Und dennoch, der Autor dieses Psalms 34 hat seine Worte mit Bedacht gewählt: wenn du Frieden willst, dann musst du etwas tun. Dann musst du hinter ihm her sein, ausdauernd, ihn einholen und erlegen. Aber das klingt doch auch merkwürdig, den Frieden erlegen? Was der Autor damit meint, lässt sich vielleicht besser an zwei Beispielen unseres Landes aus der jüngeren Geschichte sehen. Im November erst haben wir dem 100. Jahrestags des Endes des 1. Weltkrieges gedacht. Als am 11. November 1918 die Waffen schwiegen, da feierten die Alliierten, endlich war wieder Frieden. Aber auf deutscher Seite wurde der Waffenstillstand und der daraus entstandene Versailler Vertrag als eine Schmach gedeutet, deren Stachel fortan durch die Herzen der Menschen geisterte und den Hass nährte. Die Abwesenheit

der Kriegshandlungen wurde nicht als echter Friede gefühlt und so zogen die deutschen Soldaten kein Vierteljahrhundert später wieder in einen Krieg, der noch größer war und noch mehr Opfer fordern sollte, als der Erste. Doch am Ende des 2. Weltkriegs, da war es anders. Deutschland hatte den Krieg eindeutig begonnen, eindeutig zu verantworten und eindeutig verloren, aber die Alliierten reichten den Deutschen dieses mal die Hand. Insbesondere die Westalliierten im Westteil Deutschlands. In den schlimmen Nachkriegswintern schickten sie die Care-Pakete, Demokratie und Rechtstaatlichkeit wurden eingeführt, der Marshallplan baute die Wirtschaft auf und brachte die Menschen in Lohn und Brot. So entstand nach all dem Schrecken und Grauen ein echter Friede, in dem wir seit über 70 Jahren leben dürfen. Friede ist nicht die bloße Abwesenheit von Gewalt und Streit, sondern etwas aktives. So beschreibt ihn auch die Bibel im Alten Testament, wo für das Wort Frieden das hebräische Wort Schalom steht. Schalom bedeutet ein faires und gerechtes Miteinander mit gegenseitigen Respekt und Solidarität.

Jeder kommt zu seinem Recht, Beziehungen werden geklärt, Schuld ausgesprochen und vergeben. Dann ist Friede, sagt die Bibel. Und das ist tatsächlich ein Jagen, ein Hinterhersein, ein Sich-anstrengen und es gilt, das Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren und nicht aufzugeben. Wie schwer dieser Frieden

allein schon in unserem näheren Umfeld ist, das erleben viele Familien dieses Jahr wieder in den Weihnachtstagen, wenn die einen einsam sind und die anderen sich streiten. Die Jahreslosung 2019 ist eine Herausforderung und eine Chance, das ganze Jahr 2019 zu nutzen, dem echtem Frieden, dem Schalom, nachzujagen und zu ihn teilen. Auf geht’s!

 

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Pfarrerin Anja Siebert-Bright