Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Februar/ März 2019)


                                                                                                                                                                                         Bild: Radka Schöne / pixabay


Der Engel der Langsamkeit

 

Geburtstag. Bald beginnt das Fest. Alles hat sie vorbereitet: eingekauft, Kuchen gebacken und Salate vorbereitet, die Getränke im Kühlschrank verstaut. Irgendwann ist alles fertig. Die Gäste können kommen. Sie wartet.

 

Viel Zeit unseres Lebens verbringen wir mit Warten: ob im Restaurant auf das Essen, am Postschalter oder bei Behördengängen. Laut Statistik ganz vorn dabei sind: Anstehen an der Supermarktkasse (durchschnittlich sechs Stunden im Jahr), Sitzen im ärztlichen Wartezimmer (sechs Stunden und 48 Minuten), im Stau stehen (38 Stunden) und ganz schlimm: das Warten auf den Computer (156 Stunden

und mehr!).

 

Je nachdem, auf was oder wen wir warten, gestaltet sich das Warten als eine leichte oder schwere Übung. Das persönliche Zeitempfinden schwankt je nach Situation und Gemütslage. Die meisten Menschen haben sich wahrscheinlich Strategien zurechtgelegt, um Wartezeiten zu überbrücken. Der Blick aufs Smartphone, der Griff nach dem Buch, Kopfhörer auf – Musik an … Wem das alles nicht zur Verfügung steht, muss sich in Geduld üben. Vielleicht gelingt es aber gerade dann am besten, die Langeweile mit schönen Gedanken wegzublasen. Immerhin wäre das (unfreiwillige) Nichtstun auch eine gute Gelegenheit, um kreativ zu werden, um Ideen zu entwickeln. Oder um über die Zukunft nachzudenken. Was will ich in meinem Leben? Was ist mir wichtig? Wann nimmt man sich schon mal Zeit für solche Gedanken?

 

„Ein Engel hat immer für dich Zeit“, schreibt Jutta Richter in einem Gedicht. „Ein Engel hat immer für dich Zeit, das ist der Engel der Langsamkeit. Der Hüter der Hühner, Beschützer der Schnecken, hilft beim Verstehen und beim Entdecken, schenkt die Geduld, die Achtsamkeit, das Warten können, das Lang und das Breit. Er streichelt die Katzen, bis sie schnurren, reiht Perlen zu Ketten, ohne zu murren. Und wenn die Leute über dich lachen und sagen, das musst du doch schneller machen, dann lächelt der Engel der Langsamkeit und flüstert leise: Lass dir Zeit! Die Schnellen kommen nicht schneller ans Ziel. Lass den doch rennen, der rennen will.“

 

Schließlich weiß ich: auch die Zeit des Wartens geht irgendwann einmal vorüber. Die Zeit schreitet unermüdlich voran. Im Furchtbaren wie im Fröhlichen. Denn leider kann ich auch den Augenblick des Glücks nicht festhalten und ausdehnen. Deshalb sind die Zeiten des Glücks so kostbare Geschenke.

Manchmal ereignen sie sich, ganz unverhofft. Einfach so.

 

Das Telefon klingelt. Als sie drangeht, meldet sich ihre Schwester, die jetzt mit ihrer Familie in den USA lebt und beglückwünscht die Jubilarin. Wie schön von ihr zu hören, denkt sie. Eine ganze Stunde plaudern sie. Erzählen sich Neues über Neffen und Nichten und alte Geschichten von früher. Die Zeit vergeht wie im Flug. In das Abschiedsritual hinein ertönt die Türklingel. Die Gäste kommen. Das Fest beginnt.

 

Ihr Pfarrer Alexander Pabst