Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG April - Mai 2017)


 Foto: A. Pabst

Gott in der Stadt

                                                                                                                     

Das Leben in der Stadt ist laut und aufregend. Selten entspannt und erholsam. Kein Wunder, dass viele an Wochenenden und Nachmittagen das Weite suchen. Gerade bei schönem Wetter. Wer Urlaub auf dem Land macht, weiß die Ruhe und die saubere Luft zu schätzen. 

 

Ich bin es gewohnt, in der Stadt zu leben. Trotzdem ist das Stadtleben immer etwas Besonderes. Es gibt gerade hier in Berlin eine unüberschaubare Vielfalt an Möglichkeiten und Angeboten.

 

Auch die religiöse Vielfalt ist immens. Allein für den Bezirk Neukölln weist eine vom Bezirksamt herausgegebene Broschüre etwa 80 Glaubensgemeinschaften und interkulturelle Initiativen auf. In den Räumen der Martin-Luther-Gemeinde treffen sich regelmäßig mehrere fremdsprachige christliche

Gemeinden.

 

Wer in der Stadt unterwegs ist, begegnet dem Phänomen Religion und Glauben auf Schritt und Tritt. Und gerade in der Begegnung mit Menschen anderen Glaubens oder Konfession komme ich über meine eigene religiöse Prägung ins Nachdenken. Was ist mir wichtig an meinem Glauben? Was eint?

Wo gibt es Unterschiede?

 

Wichtig ist mir vor allem eine Frage: Wie kann der je eigene Glaube dazu beitragen, dass die Stadt ein lebenswerter Ort für alle Menschen ist? „Suchet der Stadt Bestes … und betet für sie“, heißt es in einem Bibelvers aus dem Buch des Propheten Jeremia. Wo viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben, ist es wichtig, sich darüber zu verständigen, wie das Beste für die Stadt gemeinsam erreicht werden kann. Wie etwa soziale Verwerfungen überwunden werden können, Vielfalt bewahrt und gestaltet

werden kann.

 

Eine Stadt ist immer auch ein Ort des Wandels. Menschen kommen neu in die Stadt, in den Kiez und bringen Ideen mit. Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich hier oft schneller als auf dem Land. Auch das Glaubensleben ist vom Wandel betroffen. Wer Gott in der Stadt sucht, wird dennoch fündig werden. Wer neu in eine Stadt zieht, findet, wenn er mag, Anschluss in einer Kirchengemeinde. Da wo Menschen die gleiche Glaubenssprache sprechen.

 

Wer Gott in der Stadt sucht, findet ihn auch im Alltag der Stadt: in Museen, Kinos und Theatern. Oder im alltäglichen Leben der Menschen, in Begegnungen. Kurt Marti, der kürzlich verstorbene Schriftsteller und Theologe, behauptet in einer seiner „frommen Geschichten“: „Gott ist von unvorstellbarer 

Bescheidenheit, darum verbirgt Er sich andauernd hinter Menschen … “ Und der Kolumnist vom Magazin der Süddeutschen Zeitung, Axel Hacke, berichtet, er habe „neulich“ Gott am Flaschencontainer getroffen und dass er bei ihm im Viertel wohne. Wie, bitte? Gott wohnt in der Stadt? In meinem Viertel? Das klingt vielleicht etwas zugespitzt. Aber es trifft doch den Kern des christlichen Glaubens: dass Gott unser Leben geteilt hat und immer wieder die Nähe zu uns Menschen sucht. 

 

Es grüßt Sie herzlich,

Ihr Pfarrer Alexander Pabst