Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Juni - Juli 2017)


In der Apostelgeschichte der Bibel erzählt Lukas eine Begebenheit aus der Anfangszeit der christlichen Gemeinde in Jerusalem. Ein hoher königlicher Beamter aus Äthiopien reist nach Jerusalem, bekommt eine Schriftrolle des Propheten Jesaja in die Hände und beginnt zu lesen. Philippus, ein Mitglied der

Jerusalemer Gemeinde, hat unterdessen vom Heiligen Geist oder einem Engel den Auftrag erhalten, dem Äthiopier zu Hilfe zu kommen: „Geh hin und halte dich zu diesem Wagen! Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest? Er aber sprach:

Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.“ (Apostelgeschichte 8, 29-31) Das eigene Verstehen der Bibel und die Urteilsfähigkeit in Glaubensfragen zu ermöglichen, war ein Kernanliegen der Reformatoren. Die Übersetzung der Bibel

in die (jeweils) eigene Landessprache war ein erster wichtiger Schritt auf diesem Weg. Zwar gab es bereits vor Martin Luther einzelne Bibelübersetzungen in deutscher Sprache. Diese hatten allerdings kaum Verbreitung gefunden. Abgesehen davon gab es nur sehr wenige Menschen, die überhaupt lesen konnten. Dies war zu Martin Luthers Lebzeiten nicht anders. Die Bildung war ihm dennoch ein großes Anliegen, und er setzte sich dafür ein, dass auch einfache Menschen – sowohl Jungen als auch Mädchen – eine Schule besuchen können. Mit Hilfe anderer Theologen fertigte Martin Luther 1522 eine

Übersetzung des Neuen Testaments und 1534 der gesamten Bibel an. Und zwar so, dass sie sprachlich über die mitteldeutsche Region hinaus verständlich war. Inhaltlich versuchte er, so nah wie möglich an der damaligen Lebenswirklichkeit der Menschen zu sein. Luther verwendete deshalb in seiner Zeit und in seiner Gegend gängige Begriffe. Ein Beispiel dafür ist die sprichwörtlich gewordene Wendung „sein Scherflein beitragen“ (Lukasevangelium 21,2). Der „Scherf“ war eine Münze aus Erfurt. Außerdem fügte

er Sacherklärungen zu einzelnen Bibelstellen hinzu. Nicht nur die sprachliche Begabung Luthers trug zur Verbreitung seiner Bibelübersetzung bei, sondern auch der gleichzeitig entstehende Buchdruck. Damit waren Druckausgaben zu erschwinglichen Preisen möglich. Die Bibel ist populär und eines der meist

verbreiteten Bücher weltweit. Wie dem königlichen Beamten geht es allerdings auch heute vielen Menschen, wenn sie in der Bibel lesen. Denn ohne Vorerfahrungen und Erläuterungen bleiben die biblischen Texte oft unverständlich. Unsere Lebenswelt ist weit entfernt von der in der Bibel berichteten

und auch von der, in die hinein Martin Luther sie übertragen hatte. Umso erfreulicher ist es, dass es eine große Vielfalt von Angeboten und Möglichkeiten zur persönlichen Aneignung gibt – ob digital, in Buchform oder durch Initiativen in Kirchengemeinden, in denen sich Interessierte mit der Bibel

auseinandersetzen können. Martin Luther hat seinen eigenen Anspruch dahin gehend einmal so formuliert: „Wenn ich unendliche Welten hätte, so gäbe ich sie alle dahin, um vollkommen zu verstehen, was ich lehre.“

 

Es grüßt Sie

Ihr Pfarrer Alexander Pabst