Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG April/ Mai 2019)


Gründonnerstag – Karfreitag – Ostern,

sie folgen nicht nur terminlich ganz schnell

hintereinander, auch in Gedanken ist es

schwierig, nicht alle drei Ereignisse gleich

zusammen zu denken.

 Bild: Foto: © Rike / pixelio                                                                                                                                          


Karfreitag

 

Denn wir wissen ja, wie die Geschichte ausging: Am Ende steht die Freude über die Auferstehung Jesu, die allzu gern den Abschied Jesu von seinen Freunden und seine leidvolle Kreuzigung überstrahlt. Aber Karfreitag ohne Ostern, kann man das denken? Geht das überhaupt? Das hieße ja: Sich ganz auszusetzen, das gute Ende nicht mitzudenken, sich völlig einzulassen auf das Geschehen damals. Ein Wagnis – mit offenem Ende. Eine Kollegin erzählte einmal, wie sie als Kind jedes Jahr neu hoffte, die

Geschichte von der Kreuzigung Jesu möge anders ausgehen. Diesmal muss es anders sein! Sie hoffte, Gott würde eingreifen und seinen Sohn nicht sterben lassen. Wäre das nicht einfacher gewesen? Menschlicher? So dachte das kleine Mädchen damals. Den Gedanken der Kollegin finde ich anrührend.

Gleichzeitig weiß ich jedoch, dass es eben nicht so einfach ist. Dass es um mehr geht als um das, was vor Augen ist. Wer der Geschichte der Kreuzigung Jesu folgt, der wird durch einen Schrei erschüttert:

Jesus hat ihn ausgestoßen, vom Kreuz herunter. Was er schreit, trifft mich bis ins Innerste.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. So doch nicht. Und nicht bei Jesus. Oder? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ein Schrei, der förmlich herausbricht. So schreit nur einer, der Angst hat. Todesangst. Der sich von Gott und aller Welt verlassen fühlt. Allein und verzweifelt ist. Ein zutiefst menschlicher Schrei. Ein zutiefst

menschliches Gefühl. Dass Gott fern ist, so unendlich fern. Dass er all das Böse zulässt. Und nicht eingreift. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Dieser eine Satz – an ihm entscheidet sich viel. Alles. 

Auch heute noch. Die Frage, wie Gott das zulassen kann, stellte sich damals. Diese Frage stellt sich auch in unserer Zeit. Es ist eine Frage, auf die wir keine Antwort bekommen, eine Frage, die aus dem Schweigen kommt und ins Schweigen führt. Aber: Es wird nicht still. Wir ertragen das Schweigen Gottes nicht. Es beginnt mit der gut gemeinten Aufforderung: „Kopf hoch, das wird schon wieder“ und die vielen Worte, die gemacht werden, obwohl eigentlich die Worte fehlen. 

Wie gut tut es, wenn jemand an meiner Seite ist, der mein Leiden aushält, der meine Verzweiflung nicht kleinredet, der schweigend bei mir bleibt. Wie gut tut es, wenn jemand da bleibt, wenn alles gesagt ist an

den Karfreitagen meines Lebens, wenn das Schweigen Gottes auf mir lastet. Wenn Jesus diese Worte sagte, nein schrie, diese allzu menschlichen Worte, kann ich ihm auch seine anderen Worte glauben. Seine Worte von Gott, von der Freude, dem Leben und der Liebe. Wenn mir dieser Jesus so nahe ist im

Allerletzten, im Allerschlimmsten, lässt er mich auch sonst nicht allein. Und so wurde mir persönlich dieser leidvolle Karfreitag ohne Ostern zu einem sehr wertvollen Tag, trotz Gewalt, Leiden und Tod zu einem Tag voller Liebe.

 

Gottesfinsternis von Carola Moosbach

 

Da brach jeder Halt weg

und schien auch kein Sinn mehr

da schloss sich die Angst

wie ein Schmerz um die Seele

da war auch kein Trost mehr

die anderen lachten

und du ganz alleine im Dunkeln

Da hab ich dich Schreien gehört

Bruder

da hab ich dich weinen gehört

Schwester

da hab ich gelernt, dir zu glauben

Gott Schwester Bruder

das du auch mein Weinen und Schreien

hörst.

 

Ihre Pfarrerin Anja Siebert-Bright