Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Juni/Juli 2018)


                                                                                                                           Bild: M. Krauth

Durch Gottes Geist begabt

 

„Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt“.

 

Der Liedermacher Herbert Grönemeyer hat einmal so seine verstorbene Frau besungen in einem seiner schönsten Lieder: „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt.“

Kann man etwas Schöneres sagen von einem Menschen? Kann einer was Schöneres passieren?

Jemand kommt zur Tür herein und du denkst nicht etwa sofort: „Ach, die schon wieder“, sondern auf einmal geht die Sonne auf im Dämmerlicht des Alltags durch die Präsenz eines Menschen, aus dem heraus es wunderbarerweise ein wenig leuchtet. So jemand sein können, ein Licht vom Licht, ein Trost, eine Ermutigung für andere, ein Mensch von Aufmerksamkeit, mit einer kleinen Heiterkeit in der oft so unheiteren Welt. Ist doch keiner freiwillig gerne hauptamtlich Jammereule oder Miesepeter. In der Bibel wird immerzu davon erzählt, wie Menschen durch Gottes Geist begabt und erleuchtet werden und dadurch auch in schwierigen Verhältnissen Licht in die Finsternisse menschlicher Machenschaften

bringen. Von Josef wird erzählt, den seine Brüder in die Sklaverei verkauft hatten, und der in der Fremde Ägyptens zu seinen höchsten Möglichkeiten kommt und Not und Feindschaft in Fürsorge und Versöhnung verwandeln kann und der Pharao ‚begeistert‘ den Geist Gottes in Josef erkennt (1. Mos 41,38). Prophetinnen und Propheten im Alten und im Neuen Testament handeln und reden und mahnen aus der Geistkraft Gottes heraus, Maria wurde schwanger, nicht irgendwie, sondern „durch den Heiligen

Geist“ (Mt 1, 18), Jesus selbst, in der Taufe, „sah den Geist über sich kommen“ (Mt 3,16) und spätestens in der Apostelgeschichte wissen die Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass sie alle „die Kraft des Heiligen Geistes empfangen werden“ (Apg 1,8) und werden Jesu Zeuginnen und Zeugen sein. In einer Zeit, in der medial ständig vermeintliche Sensationen inszeniert werden, eine Nachricht die andere übertreffen soll, um kurzzeitige Aufmerksamkeit und Begeisterung der Konsumenten zu sichern, hat es die stillere Variante des Geistvollen schwer. Heute ist alles Ekstase und Gekreisch, Selbstoptimierung und Außergewöhnlichkeit, oft flüchtig, oberflächlich, ‚geist-los‘. Nicht von ungefähr leiden Menschen heute weltweit überproportional an Depressionen, verändert doch das gesellschaftliche Prinzip der permanenten Beschleunigung und Steigerung aller Lebensäußerungen die Wahrnehmung der Welt, in der wir leben. Religiöses Leben und Handeln, wie politisches Leben und Handeln, wie die Liebe

zwischen Menschen brauchen etwas anderes als Strohfeuer-Begeisterung und die kurzfristige

Erfolgsperspektive, um tragfähig zu sein. Menschen, mit längerem Atem, als heute üblich ist, Menschen, die langfristig glühen für ihre Sache und sich und anderen Zeit geben und Gelassenheit, Gemeinsames

zu entwickeln und dabei Anstrengungen und Mühen der Ebene nicht scheuen. „Du hast jeden Raum mit Sonne geflutet …“ Uns zu geistreichen Lichtgestalten zu machen, das können wir selber nicht

bewerkstelligen. Es kann uns geschehen, es kann uns ereilen. Womöglich gerade in Momenten, wo wir es gar nicht darauf anlegen. So wie die Liebe uns ereilt, da wo wir es gerade nicht darauf anlegen. Die Kirche, die Gemeinde verdankt sich nicht sich selber und ihren mehr oder weniger guten Ideen,

sondern sie lebt von Gottes Geist, der „unsrer Schwachheit aufhilft“ (Röm 8, 26) und selber hervorleuchtet aus Christinnen und Christen, wo und wie es dem Geist gefällt.

 

Ihre Pfarrerin Caterina Freudenberg