Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Dezember2019/ Januar 2020)


Der Beginn einer neuen Zeitrechnung

Weihnachten – das ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

 

 

Die christliche Jahreszählung, die mit der Geburt Jesu beginnt, wurde in Preußen 1612 eingeführt. Spätestens dann sollte allen Menschen klar sein, was Christinnen und Christen mit dem Geschehen in der Heiligen Nacht in Bethlehem verbinden: den Beginn einer neuen Zeit. Den Beginn einer anderen

Wirklichkeit. Einer Wirklichkeit, in der Gott unter den Menschen wohnt – als Bruder, Freund, als einer, der sich in dieser Welt freut und an ihr leidet wie wir Weihnachten – das ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Wie früher in den großen Sommerferien setzt pünktlich zum Heiligabend ein kollektiver

Gedächtnisverlust ein, was die Wochentage zwischen Weihnachten und Neujahr betrifft, bis sie plötzlich schon wieder vorbei sind. Ein verkaterter Blick auf den Kalender und man stellt mit Erschrecken fest: ich muss wieder zur Arbeit. Weihnachten – das ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Wenigstens für etwas mehr als eine Woche. Etwas mehr als eine Woche – eine Zeit, in der wir gar nicht mehr aufhören zu feiern. Heiligabend lagen die bunten Pakete unterm Baum. Tausend Muster Geschenkpapier. Bunte Schleifen. Und dann: Die Tannenbäume leuchten um die Wette. Alles glitzert. Wie Silber und Gold. Den Schatz, den die drei Könige in den Krippenspielen unserer Kirchen zum Jesuskind getragen haben, haben wir mit nach Hause genommen. Silber und Gold. Wir haben unsere Zimmer und Gärten vergoldet. Alles ist ganz feierlich. Festlich. Überall klingt und singt es. „Ein Leuchten wie Silber und Gold“ – singt

Rolf Zuckowski – zusammen mit seinem kleinen Kinderchor: „Wir wünschen Euch in dieser Zeit ein Lied

in jedem Haus. Das in Euch selbst erklingen soll und in die Welt hinaus. Mit Worten voller Zuversicht, an die Ihr glauben wollt. Und ein Leuchten, wie Silber und Gold.“ Mit jedem Weihnachtslied, das Sie in diesen Tagen summen, brummen, pfeifen und singen, lassen Sie die Welt um sich herum golden und silbern leuchten. Der Schatz der Könige aus dem Morgenland erklingt in unseren Kirchen, Küchen, unter der Dusche, in Wohn- und Kinderzimmern, auf unseren Plätzen und in Krankenzimmern. „Ein Leuchten wie Silber und Gold“ – wie eine Rettungsdecke. An Unfallorten, in Kriegsgebieten, unter den Brücken und Parkbänken der Großstädte im Winter hüllt sie die Menschen golden und silbern ein. Sie wärmt frierende Schultern und Herzen, sie bedeckt nackte, regenfeuchte Menschen: Kinder und Alte, Männer und Frauen. Wie ein Leuchten aus Silber und Gold wärmen sich die Obdachlosen, die Flüchtlinge, die Unfallopfer – in Rettungsdecken gehüllt. Die Botschaft vom ersten Weihnachten dieser Welt im Stall von Bethlehem hüllt uns golden ein – in eisiger Kälte. Sie ist Glanz in der schäbigen Hütte und Gloria auf dem kalten Feld. Wie sehr ich mich auch freue, der Advents-und Weihnachtszeit stehe ich immer auch

mit Respekt gegenüber. Denn die Erwartung im Advent sorgt für angespannte Stimmung, zählt die Tage und taktet den Alltag, um alles zu schaffen, was dazu gehört: um zu polieren, zu wünschen, zu schenken, zu lichteln, zu feiern, zu backen, zu basteln, Lametta und Kugeln aufzuhängen, die Zeit zu einer glanzvollen Zeit zu machen. Manchmal frage ich mich: Sind unsere prächtigen Häuser vielleicht zu wenig Hütte, sodass wir vor lauter Lametta das Gold nicht mehr sehen? Überheizen wir unsere eigene

Kälte und unser Frieren durch das Gerenne durch den Alltag, statt sie so wie die Hirten auf dem Feld zu erleben? Sind wir nicht viel zu beschäftigt damit, es perfekt zu haben, um Glanz und Gloria der Weihnacht zu erleben? Denn: Gerade die ungeputzten, finsteren Ecken unserer Häuser und Herzen wird Glanz und Gloria der Weihnachtszeit beleuchten. Weihnachten – das ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Was bleibt? Was bleibt von Heiligabend? Was trägt uns durch die Silvesternacht in das

neue Jahr? Was trägt uns durch die Tage und Nächte der Zukunft, die hell oder dunkel sein mögen?

Wie eine Rettungsdecke in eisiger Kälte möge das Leuchten aus Silber und Gold dieses Weihnachtsfestes weit in das neue Jahr strahlen und wärmen.

 

Sarah Steuer