Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG April2020/ Mai 2020)


Hitze

Bild von Rebecca Horn, pixabay.com

Eine andere Wahrnehmung

 

Wenn diese Ausgabe der Gemeindezeitung erscheint, steht das Jahr schon auf seiner Höhe. Zeit für einen Rückblick und ein Zwischenfazit.

 

 

Mit einer Mischung aus Sorglosigkeit und Zuversicht hat für mich das Jahr begonnen. Freilich ohne gute Vorsätze oder besondere Wünsche. Ich nehme es meistens, wie es kommt. Da blicke ich mal nur auf das, was uns als Gemeinde in den letzten Jahren auf Trapp gehalten hat: die Baustelle. Viel wurde geschafft, einiges stand noch aus, obwohl die Planungen schnelleren Vollzug angekündigt hatten. Das gehörte zum bisherigen Erfahrungsschatz. Insofern lief also alles wie erwartet. Inklusive Vorfreude auf und Respekt vor diversen geplanten Großveranstaltungen in der Gemeinde. 

Dem Motto, mit dem in diesem Jahr die Passionszeit begleitet wurde, mochte ich gerne folgen: „Zuversicht – sieben Wochen ohne Pessimismus“. Auch die Zwischentöne und der Blick auf die Schattenseiten der Wirklichkeit sollten in dieser Fastenzeit zur Sprache kommen. Aber noch bevor Hiob seine düstere Verzweiflung und seine Wut herausschreien konnte – „Ich hoffte auf Licht und es kam Finsternis!“ –, wurde unser Erwartungshorizont von ganz anderer Seite her gesprengt. Eine Pandemie hat die Welt in Beschlag genommen und das öffentliche inklusive kirchlichem Leben über Ostern hinaus lahmgelegt. Für viele gefühlt und ganz real eine Passionszeit XXXL. Mit Verwerfungen und Einschränkungen, die die meisten von uns bisher nicht erlebt hatten. 

Was hat sich seitdem geändert? Was wird sich noch verändern? Darüber ist viel gesagt und geschrieben worden. Zum Beispiel, dass die Wahrnehmung eine andere geworden ist. Ich sehe viel deutlicher und bewusster, was ich zum Leben brauche und was nicht. Ich gewichte Dinge anders: Meine Freiheit habe ich immer als selbstverständlich empfunden und lerne sie jetzt umso mehr zu schätzen. Ich muss auf einmal lernen, mit der Ungewissheit umzugehen, dass ich nichts wirklich planen kann. Konnte ich mich bisher noch darauf verlassen, dass irgendwelche Optionen auf dem Tisch liegen, ist im Moment vieles ziemlich offen.

Viele, mit denen ich spreche, überkommt auch ein Gefühl der Trauer: über ein irgendwie verlorenes Jahr. Fast alles, was schön ist und Spaß macht, bleibt auf lange Zeit unerreichbar. Absage hier, Ausfall dort: Feste, Konzerte, Reisen. Auch das, was für die berufliche Existenz notwendig ist, ist bei vielen Menschen plötzlich weggebrochen. Das anfängliche Staunen über die Stille in der sonst so lauten Stadt ist der Erkenntnis gewichen, dass das eine teuer erkaufte Ruhe war. Auch wenn jetzt vieles wieder in Angriff genommen wird, staatliche Unterstützung geleistet wird und uns das warme Wetter in guter Stimmung nach draußen lockt, sind die Sorgen um die Zukunft nicht einfach verflogen. 

Dabei war das manchmal hektische Leben vor der Corona-Krise keineswegs optimal und eine nahtlose Rückkehr dorthin erscheint mir weder vorstellbar noch wünschenswert. Unser Wohlstand wird immer noch zu sehr auf Kosten von Natur und Umwelt erwirtschaftet. Unter der Klimakrise leiden auch hierzulande immer mehr Menschen. In dieser Hinsicht wünsche ich mir einen Neuanfang nach der Pandemie, bei dem mit Elan auch am Erhalt unserer Lebensgrundlagen gearbeitet wird. 

Dabei vertraue ich darauf, dass neu erlernte Formen von Gemeinschaft und von gegenseitiger Unterstützung auch in Zukunft erhalten bleiben: die geschärfte Wahrnehmung für die Menschen, die besonders Hilfe brauchen. Einsame, Kranke, Obdachlose, von Krieg, Gewalt und Klimakrise bedrohte Menschen.

Und ab und an spreche ich mir wie die Beterin des Psalms Mut zu, um Kraft zu tanken für die kommende Zeit und um selbst Mut zu machen. 

„Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht wanken werde. Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, / der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, / schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.“ (Psalm 62,6-9)

 

Ihr Pfarrer Alexander Pabst