Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG Juni/ Juli/ August 2021)


Jetzt

Während langer Pandemiespaziergänge in grüner Berliner Umgebung lernten mein Mann und ich Goethes Osterspaziergang (wieder einmal) auswendig. Sowohl im letzten, als auch in diesem Jahr deklamierten wir – in erwachender Natur – die langen Goetheschen Sätze vom ersten Satz an: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick, …“ bis hin zum: „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“.

 

Wann bin ich eigentlich Mensch? Wann sind wir glücklich und zufrieden? So richtig zufrieden? Wann sind wir wirklich glückliche Menschen? Wenn mir keine unangenehmen Dinge bevorstehen? Wenn eine Prüfung endlich absolviert ist? Wenn ich erst einmal geimpft bin, wenn ich wieder reisen, feiern, shoppen und andere Menschen treffen kann?

 

„Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils“, schreibt der Apostel Paulus im sogenannten „Tränenbrief“ an die Christen in Korinth (2. Kor. 6,2). Ein starker Appell für das Hier und Heute. Heute, hier und jetzt kannst du Gottes Spuren in deinem Leben und in der Welt erkennen und darfst dich darüber freuen. Nicht warten auf spätere Zeiten. Nicht wie die Menschen, von denen es heißt:

 

Im Wartesaal zum großen Glück

Da warten viele, viele Leute

Die warten seit gestern auf das Glück von morgen

Und leben mit Wünschen von übermorgen

Und vergessen, es ist ja noch heute

Ach, die armen, armen Leute!

 

Im Hier und Jetzt ist das Heil, erwartet mich die Gnade Gottes. Ich erlebe große Freude beim einfachen, zweckfreien Spazierengehen. Ohne Ziel vor die Tür zu treten, bei jedem Wetter, allein oder gemeinsam mit anderen, ungeplant oder verabredet. In Bewegung fließen die Gedanken, die Gespräche springen frisch und ungezwungen hin und her, der Geist wird weit, offen und empfänglich für Neues. Pausen im Austausch wirken entspannt und gelassen. Da stellt sich das Glück schon heute ein, die Wünsche von übermorgen verblassen angesichts der inneren Helligkeit, die ich empfinde. Und ich erlebe, was es heißt, ans Licht gebracht zu werden.

 

Und dennoch: Nicht jeder Spaziergang ist ein Osterspaziergang. Die Tiefen der Gegenwart, die jeder von uns irgendwann einmal durchschreitet, gehören zum Menschsein. Auch hier gilt ohne wenn und aber: „Jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils.“ Nicht nur in den hellen, gerade auch in den dunklen Stunden des Hier und Jetzt steht einer zu mir: Der bejaht mich. Ich bin gehalten. Mir geschieht nur, was Gott will. Ich brauche mich nicht zu fürchten, ich kann auch anderen Mut machen zu ihrem Leben. Zeit der Gnade heißt: Die Gegenwart Gottes unmittelbar geschenkt zu bekommen. Ich weiß dann: Ich kann vertrauen und meinen Weg sorglos und gelassen gehen. Ich lasse los, was mich bindet und zu Boden drücken will. Gott will mich leicht und fröhlich. Wie bei einem befreienden Osterspaziergang zu erleben: Jederzeit vor die Tür treten zu können und das Gefühl der Freiheit zur Bewegung ausüben zu können. Eine Befreiung im Hier und Jetzt. Gehen ohne Grund macht glücklich, denn „Jetzt ist die Zeit des Heils, jetzt ist die Zeit der Gnade …“.

 

Ihre Pfarrerin Christine Radziwill