Gedanken zum Mitnehmen (aus: GemeindeZEITUNG April/ Mai 2021)


Grün

„Schweig still, mein Herz, die Bäume beten. Ich sprach zum Baum: erzähl mir von Gott. Und er blühte.“

Rabindranath Tagore

 

 

Mit dem beginnenden Frühling und dem Erwachen der Natur zieht es wieder viele Menschen ins Freie. Sie atmen auf, tanken Kraft und schöpfen Hoffnung. Nach monatelanger Kälte und (weiter bestehenden)

pandemiebedingten Einschränkungen. In diese Freude hinein mischen sich immer wieder Trauer und

Verzweiflung. Viele Verluste von Menschenleben sind nach einem Jahr Pandemie zu beklagen. Hinter jedem von ihnen steckt eine Geschichte. Oft höre ich von Angehörigen, wie traurig sie darüber sind, dass ihre Angehörigen in der letzten Phase ihres Lebens lange Zeit einsam gewesen sind. Sie hätten sie gerne intensiver begleitet. Vielleicht auch mal ein Lied mit ihnen gesungen oder sich mit einer

Umarmung verabschiedet. In zunehmender Verzweiflung befinden sich Menschen, deren wirtschaftliche

Existenz bedroht ist. Und die Eltern, denen kaum Mittel zur Verfügung stehen, um ihre Kinder online beschulen lassen zu können.

 

„Wann ist das alles vorbei?“ Oder: „Das soll endlich aufhören!“ Diese Fragen und Gedanken liegen den meisten von uns auf den Lippen. Dabei ist es schwer auszuhalten, mit dieser Ungewissheit leben zu

müssen. Worauf müssen wir uns einstellen? Wie gelingt das Leben mit dem Virus? Von politisch Verantwortlichen werden Klarheit und Orientierung verlangt. Ein deutlich erkennbarer Weg aus der Krise.

Dabei ist fraglich, ob das gelingen kann. Die Rahmenbedingungen sind relativ unklar – noch mehr als sonst im Leben. Der Ruf nach schnellen Lösungen ist nachvollziehbar und zugleich eine Überforderung.

Wir müssen lernen, mit Vagheit umzugehen. Nicht alles ist absehbar und eindeutig festzustellen. Selbst die biblischen Hoffnungsgeschichten, aus denen wir leben, öffnen letztlich nur einen Raum für das Unverfügbare.

 

Auf ihrem Weg nach Emmaus begegnen die trauernden Freunde Jesu einem Unbekannten. Gemeinsam gehen sie ein Stück des Weges. Nach einer Weile machen sie Rast und der Fremde teilt mit ihnen das Brot. Jetzt erkennen die Freunde in ihm den Auferstandenen. Auch hier ist vieles offen: Jesus ist da und doch nicht mehr. Ebenso ist das Hereinbrechen von Gottes Zukunft für unsere Welt von Vagheit geprägt. Wir erkennen die Vorboten, spielerisch und zart. Die Vollendung entzieht sich unserer Kenntnis. Deshalb

bringen wir das Hoffen darauf zur Sprache. 

 

In einem Entwurf für ein Osterlied dichtet Rudolf Otto Wiemer:

 

Das Gras ist unverwelklicher

grün als der Lorbeer. Im

Rohr der Rakete

nisten die Tauben.

 

Nicht irr surrt die Fliege an

tödlicher Scheibe. Alle

Wege sind offen. Im Atlas

fehlen die Grenzen.

 

… Der Engel steht abends am Tor. Er

hat gebräuchliche Namen und

sagt, wenn ich sterbe:

Steh auf.

 

Es grüßt Sie Ihr Pfarrer Alexander Pabst